
Wohnhaus, Berlin

Hotel, Berlin

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Die baulichen Reste der Nachkriegsmoderne sind Träger gesellschaftlicher Prozesse und Positionen, die vom Wachstum und vom Glauben an eine bessere Zukunft zeugen. Diese Eigenschaften sind und bleiben Grundlage ihrer Konzeption. Die substanziellen Angriffe, die von der Verunstaltung bis hin zum Verschwinden der Bauten reichen, mindern ihr Ansehen und fördern ihre Ablehnung. Die Anwesenheit der Moderne wird in Zeiten fortschreitender gesellschaftlicher Starrheit und traditionsorientierter Substanzlosigkeit zur untragbaren Last.
Der Umstand, dass das Besondere gequält, misshandelt, deformiert und schließlich gesellschaftlich legitimiert zur Hinrichtung geführt wird, ist die Vorbedingung meiner Arbeit. Defizitäre Gesellschaftsräume und in Funktionslosigkeit schwebende Restsubstanzen eignen sich bestens, im Rahmen einer Neudeutung aufgegriffen zu werden. Denn ihre Bedeutungszusammenhänge und Wertigkeiten sind aufgeweicht und fragmentiert. Dieser Vorgang ermöglicht es mir, die Bauten der Moderne in zukünftige gesellschaftliche Zustände zu transformieren. Es entstehen photographische Zeitfenster.
Die Inszenierung von Oberflächen qua konzentrierter Blickpunkte führt zur Enthüllung des essentiellen Wesens dieser Bauten – die Ideen unendlicher Weite an Raum und Zeit treten in Erscheinung. Die photographischen Zeitfenster erzeugen eine Vorstellung von Gesellschaft, die längst in ihr Gegenteil verkehrt wurde. Jene Umkehrung bildet das Fundament für die Transformation der Bauten der Moderne zu generalisierten Bewusstseinslagen kommender Gesellschaftsräume. Die offensichtliche Wucherung von Prozessen und Momenten der Entleerung, der Entbundenheit und der Nutzlosigkeit machen sie erneut zu Boten gegenwärtiger und künftiger Konzepte der Raumproduktion. Das Fehlen von Zukunft, die Schließung von Gesellschaftsräumen, das Anwachsen isoliert vegetierender Geiseln, die Zunahme der Verrohung von Gedanken, Möglichkeiten und Handlungsweisen ist am aktuellen Umgang mit den Gebäuden der Moderne zu erkennen. Allen voran verschwinden ins Besondere die Bauten und Räume, die ein schier unerschöpfliches Potential an Zukunftsüberlegungen beinhalten, aus dem Kulturfeld dieser Gesellschaft.
Sie sind Relikte der Zukunft, denn sie symbolisieren Zukunft im doppelten Sinne: Zum Einen die visionären Ideen ihrer Konzeption, zum Anderen die Prozesse der Abwesenheit und der Funktionslosigkeit in jüngst erzeugten Gesellschaftsbereichen. Diese konträren Ordnungskonzepte in einem Bild sichtbar zu machen, ermöglicht einen bedeutsamen Vorgriff auf eine Gesellschaftslage, die durch Funktionslücken, Substanzlosigkeit, Desorientierung und Mangel an Raum, Zeit und Optionen den Menschen isoliert, niederknüpplt und erstickt.
Zahlreiche Gebäude der Nachkriegsmoderne haben in den letzten Jahrzehnten massive Prozesse der Entwertung und der Zerrüttung durchlaufen – Verunstaltung und Abriss von denkmalgeschützten Bauten sind längst zur Normalität geworden. Der Mangel an Anerkennung dieser architektonischen Besonderheiten, sowie der defizitäre Umgang mit ihnen, symbolisiert die praktische Verwertungslogik einer durchweg vermarktungsgesteuerten Gesellschaft. Gebäude und Gebiete, die von Prozessen des Ausgegrenztseins beherrscht werden, stehen exemplarisch für eine generelle Entwertungslogik, die Menschen in der schon längst erodierten Arbeitsgesellschaft handlungsunfähig macht, sozial isoliert und nachhaltig stigmatisiert. Allerdings liegen die Ursachen der Ausgrenzung so gut wie nie am Ort ihrer Erscheinung.
Aktuell entziehen die traditionsorientierten und historisierenden Gesellschaftsdiskurse den Gebäuden urbaner Neuordnung einen Großteil ihrer Ausdruckskraft und ästhetischen Einmaligkeit. Den ursprünglichen Intentionen und Konzeptionen dieser Baukörper, wie auch deren erhebliche Bedeutung für die stadt- und raumplanerische Gestaltung, wird damit im öffentlichen Bewusstsein fast vollständig der Boden entzogen. Licht, Luft und Sonne – die Merkmale der Moderne in der Stadtentwicklung – weichen vielerorts identitäts- und heimatlosen Investorenprojekten in dichter Blockrandbebauung. Die Planungsmodelle für eine Stadt der Zukunft orientieren sich wieder vornehmlich an der Jahrhunderte lang praktizierten Stadtplanung und Bautradition, die sich ins Besondere in der Steinernen Stadt des späten 19. Jahrhunderts widerspiegelt.
Die bauliche Verdichtung städtischen Raums, sowohl zur Rekonstruktion der traditionellen Stadtstruktur als auch zur Wiederherstellung historischer Fassaden und ganzer Gebäudekomplexe, blendet zunehmend die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und die darauf folgende Neuordnung urbanen Raums aus. Die Praxis, Gebäude der Nachkriegsmoderne abzureißen, Brachen und öffentliche Freiflächen zu entfernen, geht mit dem Versuch einher, sich der durch die NS-Herrschaft entstandenen Verantwortungen und der Folgen für die beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften zu entledigen. Sich aufklärerischer Architektur zu verschließen oder sie gar zu entfernen und sich im Gegenzug romantisierenden Bauten hinzuwenden, oder diese wieder zu errichten, gibt ausführlich Auskunft über die geistige Zukunftsfähigkeit dieser Gesellschaft.
Die photographische Umsetzung sozialer Randständigkeit an Hand architektonischer Gebilde, die vornehmlich mit Prozessen der Isolation, Stigmatisierung und Abwertung belegt sind, ermöglichen es, einfache und gewöhnliche Bauten in Raum- und Zeitschiffe zu verwandeln, surreale Landschaften und fiktive Übergangsräume zu gestalten. Trotz massiver Zerrüttung können diese Gebäude Visionen und Intentionen ihrer einstigen Daseinsberechtigung widerspiegeln. Dieser Umstand, der von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung ist, macht sie zu herausragenden Orten, denn an ihnen können die Widersprüchlichkeiten im sozialen Raum gesehen und praktisch erlebt werden. Sie stellen Zwischenräume dar, in denen die uns vertrauten Zeitgrenzen verwischt und verschiedene Zeiträume übereinander gelegt werden. Die Photographien veranschaulichen damit, dass Ausgrenzung und Stigmatisierung sich nicht nur an den Rändern der Gesellschaft oder an den Rändern der Stadt ereignen, sondern die Möglichkeit hierfür immer und überall mitten unter uns besteht und uneingeschränkt praktiziert wird, auch in diesem Moment. Der Normalfall ist, dass das Besondere – das Außerordentliche an sich – gequält, misshandelt, deformiert und schließlich gesellschaftlich legitimiert zur Hinrichtung geführt wird.
StadtAnSich
Ausstellungseröffnung: Montag, 25. Januar 2010, 19 Uhr.
Ausstellungsdauer 26.01. bis 28.02.2010
Galerie-Café EntwederOder
Oderbergerstraße 15
Prenzlauer Berg