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Stadtsoziologin Karin Baumert befragt Daniel Sebastian Schaub zu seinem Erleben urbaner Einsamkeitsräume und zu seinen Fotografien der Nachkriegsmoderne.

Mittwoch, 15. September 2010

Sind Deine Ausflüge in die Stadt spontan oder geplant?

Meine Ausflüge sind sehr spontan – Spontanität ist eine Vorbedingung, die zum Gelingen einer Begegnung mit einem Ort oder einem Gebäude führt. Durch spontane Handlung kann ich aus meiner strengen Selbstregulierung und meiner zwanghaften Enge ausbrechen. In der Folge entsteht die notwendige Offenheit und Unvoreingenommenheit, die überhaupt erst ein Erkennen von Zuständen außerhalb des Selbst ermöglicht. Ich gebe mir also meist eine grobe Fahrtrichtung vor oder suche mir einen Ort aus, an den ich gerne fahren würde. Ein paar Minuten später bin ich dann schon auf der Straße. Alles geschieht rasend schnell. Im Laufe der Zeit wurde es für mich immer komplizierter, die Spontanität aufrecht zu erhalten. Mittlerweile hat sich für mich ein breites Spektrum an Orten und Gebäuden ergeben. Es gibt unzählige Orte in dieser Stadt, die sich außerhalb einer funktionierenden gesellschaftlichen Struktur befinden, oder Gebäude, die massive Prozesse der Entwertung und der Zerrüttung durchlaufen haben. Ich begegne diesen Orten zwar stets mit den gleichen Motivationen – ich konfrontiere mich mit dem Defizitären, dem Wertlosen, dem Unschönen, der Deformation, der Ausgrenzung und dem Verächtlichen. Dennoch weist jeder dieser Räume eine eigene Identität auf, die zu völlig unterschiedlichen Erscheinungen führt. Mit dem Zuwachs an mir bekannten Orten stellen sich mir Fragen der eigenen Verwaltung dessen. Die Ansammlung von Orten auf Zetteln, die mich an die Existenz der Orte erinnern sollen, kann durchaus störend wirken und jegliche Spontanität ersticken.

Wann hast Du Dich das erste Mal in Deinem Leben in „Einsamkeitsräume“ verliebt?

Das erste Mal habe ich mich in Einsamkeitsräume verliebt, als ich in großer Not war und überhaupt keinen Weg mehr in die Gesellschaft sah – ich fühlte mich leblos und isoliert. Die leeren Orte und Gebäude haben mich förmlich angezogen – wir sind uns einfach begegnet! Relativ schnell wurde mir bewusst, dass diese zerrütteten Räume Bruchstellen in einem engen Gesellschaftsgefüge darstellen. An diesen Orten spürte ich ganz viel Platz und Raum, eben weil sie keinen vorgegebenen Funktionen mehr unterliegen – Verwertung und Illusion, Menschen und Werbung, Licht und Glanz sind abwesend. Diese Orte wurden für mich zum Beleg, dass das politische Streben nach Wachstum längst zu einem Phantom geworden ist und es zahlreiche Stellen in dieser Gesellschaft gibt, die mit einer ganz anderen Logik besetzt sind. Gerade weil an diesen Orten herkömmliche Strukturen abwesend sind, kann ich dort anwesend sein. Allerdings verweile ich nicht in diesen Räumen, sondern nehme ihre Logik in mich auf und versuche damit einen gesellschaftlichen Raum zu entwickeln, in dem ich anwesend bleiben kann. Mittlerweile habe ich das Gefühl, immer mehr und gleichzeitig immer weniger in einer Gesellschaft leben zu können. Diese gegenläufigen Tendenzen gehen einfach miteinander einher und regeln meine Anwesenheit.

Wie kehrst Du von Deinen Exkursionen zurück?

Ich kehre voller Lebendigkeit und Leichtigkeit zurück. Die erlebbaren Identifikations- und Entfaltungsmöglichkeiten an diesen Orten beruhigen mich, ohne mich zu besänftigen oder zu sättigen. Durch diese Orte und Gebäude kann ich meine Not in nutzbares Handlungspotential verwandeln. In der Folge verschwindet meine Not zwar nicht, aber es wird möglich, mit ihr in Austausch zu treten und mit ihr zu handeln. Meine Fotografien verdeutlichen zum Einen, wie ich diese gesellschaftlichen Räume sehe und zum Anderen kann ich durch diese eine gesellschaftliche Position gestalten, die es mir gestattet, meiner eigenen Anwesenheit Raum zu geben und mit mir selbst in Austausch zu treten.

Hast Du eine Lieblingstageszeit, ein bevorzugtes Wetter, eine bestimmte Jahreszeit?

Erstmal gibt es keine Beschränkungen. Ich gehe zu allen Tages- und Nachtzeiten an leere Orte, sofern ich ein Bedürfnis danach habe. Manche Orte besuche ich nur in der Nacht. IDann laufe ich im Dunkeln über abgeräumte Flächen und kann keinen Unterschied mehr zwischen mir und meiner Umgebung feststellen. In so einem Moment fühle ich mich vollständig. Die meisten Orte und Gebäude besuche ich allerdings am Tage, da ich sie meist – aber nicht immer – fotografiere und dazu genügend Licht benötige. Dennoch ist es so, dass ich mich sehr stark auf die äußeren Gegebenheiten einlasse. Dass sich die äußeren Gegebenheiten – die Erscheinung der Orte, das Wetter, die Jahreszeit – ständig verändern, ist für mich sehr hilfreich, weil ich dadurch den Ort in seiner Verschiedenheit erleben kann. So kann die Begegnung mit einem Raum jedes Mal etwas vollkommen Neues bedeuten. Es entstehen keine Routinemäßigkeiten, ich kann mich nicht einrichten und halte in der Konsequenz meine Aufmerksamkeit aufrecht.

Wie findest Du das Detail?

Das Detail finde ich auf der Grundlage meiner Persönlichkeitsstruktur. Für mich gibt es erstmal keine Grenzen zwischen mir und jemand oder etwas Anderem – bei jeder Begegnung erlebe ich dies aufs Neue! Demzufolge reduziere ich mein Gegenüber auf etwas Essentielles, um mir Orientierung und Klarheit zu verschaffen. Die Begegnung mit einem Gebäude oder einem gesellschaftlichen Zustand ist für mich einfacher als die Begegnung mit einem Menschen. Denn ein Gebäude vermittelt einen abstrakten und umfassenden Gesellschaftszustand, den ich durch meine eigene Erfahrungswelt entschlüsseln kann. Ich gehe also sehr nah an ein Gebäude heran und fixiere mich auf einzelne Elemente oder ganze Einheiten. Natürlich spielt auch der Blick durch die Kamera eine Rolle, da sich darin die Welt immer in reduzierter und konzentrierter Form zeigt. Die Fixierung auf Flächen und die Verwandlung der Gebäude sind ein enormer Konzentrationsakt, der mich an die Ränder meiner Kraft und des Machbaren treibt, was mir letztlich meine tatsächliche Anwesenheit belegt.

Wie lange verweilst Du an den Orten?

Ich verweile nie, ich bin dort die ganze Zeit am Handeln und wenn es für mich dort nichts mehr zu tun gibt, dann gehe ich! Die Orte und Gebäude sind für mich Projektionsräume – ihr Zustand ist mein Zustand. Wir unterscheiden uns nur in der Konsequenz – sie werden unsichtbarer und ich sichtbarer, sie verfallen und ich formiere mich. Ich akzeptiere das, denn ich verinnerliche ihre Seinsweise und erschaffe durch und mit diesen Räumen neue Gegenständlichkeiten. Diese Gegenständlichkeiten bilden die Grundlage für den Entwurf neuer gesellschaftlicher Räume. Ich erlebe es als Bedrohung und als Glück zugleich, strukturell keine alternative Handlungsweise erstellen zu können, in der ich leben könnte, als die, in der ich mit mir verfahre.

Wann begegnet Dir das korrespondierende theoretische Moment?

Das korrespondierende theoretische Moment ist permanent anwesend. Es führt mich zu diesen Orten und Gebäuden hin, es wartet dort schon auf mich und ich nehme immer etwas davon in mich auf. Manchmal habe ich das Gefühl, selbst mehr ein theoretisches Moment zu sein als ein Mensch. Aber natürlich gibt es auch konkrete Momente, in denen mir die Wirkung der Stadt- und Gebäudestruktur der Moderne besonders bewusst wird. Meist dann, wenn ich von der einen in die andere Stadtstruktur übergehe. Kehre ich z.B. in die gründerzeitliche Blockrandbebauung zurück, dann verdunkelt sich für mich quasi der Himmel. Ich spüre ganz konkret, wie sich der verfügbare öffentliche Raum reduziert und dass dies mit geistiger Beschränkung, Enge und Mangel an Optionen einhergeht. Daran kann ich auch immer wieder feststellen, dass der Entwurf einer Stadtstruktur Ausdruck eines Gesellschaftsentwurfs ist. Daraus folgt für mich, dass eine jeweils angemessene Betrachtung und Bewertung von Stadt und Gebäuden nur Sinn macht, wenn neben dem aktuellen Zustand und dem zeitlichen Verlauf auch die gesellschaftliche Idee, die zum Entwurf dieser Räume führte, Berücksichtigung findet. Gerade dann, wenn ich unmittelbar vor den Gebäuden der Nachkriegsmoderne stehe und ihre Logik auf mich wirken lasse, entpuppt sich eine ganze Denkwelt, die dort nach wie vor anwesend ist und sich sogar in der Zeit fortentwickelt hat.

Kannst Du in einem Satz zusammenfassen, was für Dich „die Moderne“ ist?

Moderne ist eine gesellschaftliche Konzeption, die dem Menschen in vielerlei Hinsicht Raum und Platz in der Öffentlichkeit gestattet – eine gesellschaftliche Idee, die allerdings unter der Dominanz bürgerlicher Tradition kaum erkennbar bleiben wird.


Relikte der Zukunft

Montag, 15. März 2010

Die baulichen Reste der Nachkriegsmoderne sind Träger gesellschaftlicher Prozesse und Positionen, die vom Wachstum und vom Glauben an eine bessere Zukunft zeugen. Diese Eigenschaften sind und bleiben Grundlage ihrer Konzeption. Die substanziellen Angriffe, die von der Verunstaltung bis hin zum Verschwinden der Bauten reichen, mindern ihr Ansehen und fördern ihre Ablehnung. Die Anwesenheit der Moderne wird in Zeiten fortschreitender gesellschaftlicher Starrheit und traditionsorientierter Substanzlosigkeit zur untragbaren Last.

Der Umstand, dass das Besondere gequält, misshandelt, deformiert und schließlich gesellschaftlich legitimiert zur Hinrichtung geführt wird, ist die Vorbedingung meiner Arbeit. Defizitäre Gesellschaftsräume und in Funktionslosigkeit schwebende Restsubstanzen eignen sich bestens, im Rahmen einer Neudeutung aufgegriffen zu werden. Denn ihre Bedeutungszusammenhänge und Wertigkeiten sind aufgeweicht und fragmentiert. Dieser Vorgang ermöglicht es mir, die Bauten der Moderne in zukünftige gesellschaftliche Zustände zu transformieren. Es entstehen photographische Zeitfenster.

Die Inszenierung von Oberflächen qua konzentrierter Blickpunkte führt zur Enthüllung des essentiellen Wesens dieser Bauten – die Ideen unendlicher Weite an Raum und Zeit treten in Erscheinung. Die photographischen Zeitfenster erzeugen eine Vorstellung von Gesellschaft, die längst in ihr Gegenteil verkehrt wurde. Jene Umkehrung bildet das Fundament für die Transformation der Bauten der Moderne zu generalisierten Bewusstseinslagen kommender Gesellschaftsräume. Die offensichtliche Wucherung von Prozessen und Momenten der Entleerung, der Entbundenheit und der Nutzlosigkeit machen sie erneut zu Boten gegenwärtiger und künftiger Konzepte der Raumproduktion. Das Fehlen von Zukunft, die Schließung von Gesellschaftsräumen, das Anwachsen isoliert vegetierender Geiseln, die Zunahme der Verrohung von Gedanken, Möglichkeiten und Handlungsweisen ist am aktuellen Umgang mit den Gebäuden der Moderne zu erkennen. Allen voran verschwinden ins Besondere die Bauten und Räume, die ein schier unerschöpfliches Potential an Zukunftsüberlegungen beinhalten, aus dem Kulturfeld dieser Gesellschaft.

Sie sind Relikte der Zukunft, denn sie symbolisieren Zukunft im doppelten Sinne: Zum Einen die visionären Ideen ihrer Konzeption, zum Anderen die Prozesse der Abwesenheit und der Funktionslosigkeit in jüngst erzeugten Gesellschaftsbereichen. Diese konträren Ordnungskonzepte in einem Bild sichtbar zu machen, ermöglicht einen bedeutsamen Vorgriff auf eine Gesellschaftslage, die durch Funktionslücken, Substanzlosigkeit, Desorientierung und Mangel an Raum, Zeit und Optionen den Menschen isoliert, niederknüpplt und erstickt.

Die gefährdete Moderne: Bauten urbaner Neuordnung

Dienstag, 9. Februar 2010

Zahlreiche Gebäude der Nachkriegsmoderne haben in den letzten Jahrzehnten massive Prozesse der Entwertung und der Zerrüttung durchlaufen – Verunstaltung und Abriss von denkmalgeschützten Bauten sind längst zur Normalität geworden. Der Mangel an Anerkennung dieser architektonischen Besonderheiten, sowie der defizitäre Umgang mit ihnen, symbolisiert die praktische Verwertungslogik einer durchweg vermarktungsgesteuerten Gesellschaft. Gebäude und Gebiete, die von Prozessen des Ausgegrenztseins beherrscht werden, stehen exemplarisch für eine generelle Entwertungslogik, die Menschen in der schon längst erodierten Arbeitsgesellschaft handlungsunfähig macht, sozial isoliert und nachhaltig stigmatisiert. Allerdings liegen die Ursachen der Ausgrenzung so gut wie nie am Ort ihrer Erscheinung.

Aktuell entziehen die traditionsorientierten und historisierenden Gesellschaftsdiskurse den Gebäuden urbaner Neuordnung einen Großteil ihrer Ausdruckskraft und ästhetischen Einmaligkeit. Den ursprünglichen Intentionen und Konzeptionen dieser Baukörper, wie auch deren erhebliche Bedeutung für die stadt- und raumplanerische Gestaltung, wird damit im öffentlichen Bewusstsein fast vollständig der Boden entzogen. Licht, Luft und Sonne – die Merkmale der Moderne in der Stadtentwicklung – weichen vielerorts identitäts- und heimatlosen Investorenprojekten in dichter Blockrandbebauung. Die Planungsmodelle für eine Stadt der Zukunft orientieren sich wieder vornehmlich an der Jahrhunderte lang praktizierten Stadtplanung und Bautradition, die sich ins Besondere in der Steinernen Stadt des späten 19. Jahrhunderts widerspiegelt.

Die bauliche Verdichtung städtischen Raums, sowohl zur Rekonstruktion der traditionellen Stadtstruktur als auch zur Wiederherstellung historischer Fassaden und ganzer Gebäudekomplexe, blendet zunehmend die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und die darauf folgende Neuordnung urbanen Raums aus. Die Praxis, Gebäude der Nachkriegsmoderne abzureißen, Brachen und öffentliche Freiflächen zu entfernen, geht mit dem Versuch einher, sich der durch die NS-Herrschaft entstandenen Verantwortungen und der Folgen für die beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften zu entledigen. Sich aufklärerischer Architektur zu verschließen oder sie gar zu entfernen und sich im Gegenzug romantisierenden Bauten hinzuwenden, oder diese wieder zu errichten, gibt ausführlich Auskunft über die geistige Zukunftsfähigkeit dieser Gesellschaft.

Die photographische Umsetzung sozialer Randständigkeit an Hand architektonischer Gebilde, die vornehmlich mit Prozessen der Isolation, Stigmatisierung und Abwertung belegt sind, ermöglichen es, einfache und gewöhnliche Bauten in Raum- und Zeitschiffe zu verwandeln, surreale Landschaften und fiktive Übergangsräume zu gestalten. Trotz massiver Zerrüttung können diese Gebäude Visionen und Intentionen ihrer einstigen Daseinsberechtigung widerspiegeln. Dieser Umstand, der von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung ist, macht sie zu herausragenden Orten, denn an ihnen können die Widersprüchlichkeiten im sozialen Raum gesehen und praktisch erlebt werden. Sie stellen Zwischenräume dar, in denen die uns vertrauten Zeitgrenzen verwischt und verschiedene Zeiträume übereinander gelegt werden. Die Photographien veranschaulichen damit, dass Ausgrenzung und Stigmatisierung sich nicht nur an den Rändern der Gesellschaft oder an den Rändern der Stadt ereignen, sondern die Möglichkeit hierfür immer und überall mitten unter uns besteht und uneingeschränkt praktiziert wird, auch in diesem Moment. Der Normalfall ist, dass das Besondere – das Außerordentliche an sich – gequält, misshandelt, deformiert und schließlich gesellschaftlich legitimiert zur Hinrichtung geführt wird.